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Bilder von Leichtigkeit und Normalität inmitten einer Welt, die zutiefst erschüttert wurde. Im Urlaub, beim Sport, selbst auf der Flucht und nach der Ankunft im Exil: Während der Zeit des nationalsozialistischen Terrors hielten Jüdinnen und Juden ihren Alltag mit der Kamera fest. Ihre Fotos bewahrten sie oft in selbst gestalteten Alben auf. Die herausgestellte Leichtigkeit und die Normalität der Bilder stehen quer zum Wissen um die Anfeindung und Entrechtung, die die Abgebildeten als Juden erfuhren. In einer Zeit, in der ihre gesamte Lebenswelt zutiefst erschüttert wurde, gewinnen sie aber eben dadurch an Bedeutung. Anhand einer sensiblen Analyse von mehr als hundert größtenteils unbekannten Sammlungen zeigt Robert Mueller-Stahl, wie die private Fotografie für Jüdinnen und Juden zu einem Medium der Selbstbestimmung wurde. Kamera und Album ermöglichten es ihnen, sich so zu sehen und zu erinnern, wie sie selbst es wollten. Die Fotos widersetzen sich nicht nur den Blicken der Tätergesellschaft, sie fordern auch die heutigen Vorstellungen über das jüdische Leben der Zeit heraus. Inmitten von Verfolgung und Vernichtung sind es Zeugnisse des Lebens. Ausgezeichnet mit dem Humboldt-Sonderpeis für Forschung zu Judentum und Antisemitismus der HU Berlin.
Wie bildeten sich nationalistische Milieus in der Bonner Republik und welche Veränderungen durchliefen sie? Der Rechtsradikalismus formierte sich in der Bundesrepublik nicht nur über Parteien, sondern auch über nationalistische Milieus mit geteilten Lebenswelten und Netzwerken. Diese zeichnen sich durch ein kommunikatives Handeln aus, das rechtsradikale Vorstellungen und Praktiken festigte, etwa durch gesellige Ausflüge, Aktionen von Jugendverbänden oder Treffen in bestimmten Räumen. Die Autorinnen und Autoren dieses Bandes spüren der Lebenswelt nach, in der Rechtsradikale agierten und ihre Netzwerke ausbauten. Sichtbar wird, wie sich ihr Auftreten nach dem Nationalsozialismus veränderte und sie sich an den Gesellschaftswandel anpassten. Damit wird zugleich deutlich, wie sich Weltanschauung, Organisationen und Parteien der extremen Rechten veränderten, ebenso ihre sozialen Praktiken, Aktionsformen und Gewalthandlungen.
Im Zuge der Recherchen zu meiner Dissertation klingelte ich im März 2023 im
8. Wiener Gemeindebezirk an einer unscheinbaren Haustür. Drinnen lagerten, im Keller der Wohnanlage, mehrere Aktenordner und unzählige Bücher: ein kleiner Teil des Erbes des Bibliotheksvereins »Jirásek« und damit des Lebenswerks des Bibliotheksvorsitzenden und Sozialdemokraten Ludwig Kolin. Das Material befand sich zu diesem Zeitpunkt in einem Übergangszustand zwischen einer projektfinanzierten Lagerung im »Forschungszentrum für historische Minderheiten« (angeschlossen an das Volkskundemuseum Wien) und seiner neuen Heimat im Schulverein »Komenský«. In den darauffolgenden Stunden arbeitete ich mich in dem kalten Keller frierend, aber begeistert durch das Material, das besondere Einblicke in die Lebenswelt tschechoslowakischer Migrant:innen in Wien ermöglicht. Den Bestand und seinen Urheber möchte ich hier vorstellen.
Die Dürre von 1947 war nicht nur eine der extremsten Wetteranomalien der mitteleuropäischen Neuzeit, sondern auch ein von der Forschung bisher unterschätzter Faktor der frühen deutschen Nachkriegsgeschichte. Analysiert werden hier die sozioökonomischen Folgen der Trockenperiode, die im Süden Deutschlands am größten waren, und die politischen Reaktionen darauf – von Besatzungsbehörden, Bizonen-Verwaltung, bayerischer Landesregierung und landwirtschaftlichen Interessengruppen. Massive Ernteausfälle ließen eine humanitäre Krise befürchten, doch entschied sich die US-Regierung vor dem Hintergrund des beginnenden Kalten Krieges im letzten Moment für umfangreiche Hilfslieferungen. Die Dürre trug auch zur Neuorientierung der westalliierten Deutschlandpolitik bei. Damit die Besatzungsmächte nicht erneut für kostspielige Lebensmittellieferungen aufkommen mussten, sollten die Deutschen rasch mehr Verantwortung für ihre Selbstorganisation erhalten. Die politischen Reaktionen auf die Dürre in Westdeutschland werden abschließend mit der damaligen Situation in anderen Regionen und Ländern Europas verglichen. Dabei ergeben sich auch weiterführende zeithistorische Perspektiven auf die Klimaforschung.
Im Jahr 2006 eröffnet, bietet das DDR-Geschichtsmuseum im Dokumentationszentrum in der brandenburgischen Kleinstadt Perleberg eine Fülle an Anschauungsmaterial aus und über das Leben in der DDR. Das Pfarrerehepaar Gisela und Hans-Peter Freimark begann bereits in den 1980er-Jahren damit, Objekte zu sammeln, die das politische System aber auch den Alltag der DDR dokumentieren sollen. Insbesondere das oppositionelle Engagement der Freimarks, die sich als Pfarrer und Gemeindehelferin in der DDR entschieden für Frieden und Abrüstung einsetzten und sich somit der SED widersetzten, ist mit zahlreichen Fotos und Gegenständen in der Ausstellung dargestellt.
Vier Studierende der Public History der Freien Universität Berlin und ein zweiköpfiges Filmteam der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe digitalisierten und bewahrten in einem Dokumentations- und Interviewprojekt das Wissen über die Ausstellung des DDR-Geschichtsmuseums in Perleberg.
Insbesondere die Biografie des Pfarrerehepaars Hans-Peter und Gisela Freimark, die die Ausstellung initiierten und bis heute leiten, stand im Mittelpunkt dieses Projektes. Die Projektgruppe wurde von Irmgard Zündorf vom Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung unterstützt. Gefördert wurde das Projekt durch die Beauftragte des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur. Im Verlauf der Monate März und April 2020 fanden die Interview- und Dreharbeiten in Perleberg statt. Ziel des Projekts ist die Entwicklung einer digitalisierten Führung durch das Museum. Teil II des Projektes befindet sich derzeit in der Realisierung.
Sidney Mintzʼ »Kulturgeschichte des Zuckers« ist längst ein Klassiker. Mintz (1922–2015) charakterisierte das Buch als Ergebnis einer langjährigen »Erforschung der Geschichte der Karibik und derjenigen tropischen, vornehmlich landwirtschaftlichen Produkte […], die mit der ›Entwicklung‹ dieser Region seit ihrer Eroberung durch die Europäer fest verknüpft sind« (S. 11). Ihn habe interessiert, wie und warum Europäer und Nordamerikaner zu Konsumenten karibischer Erzeugnisse wurden. »Und wenn man versucht«, so die programmatische Formulierung, »Konsumption und Produktion, Kolonie und Metropole zusammenzubringen, dann geschieht es leicht, daß man die eine oder die andere – den ›Mittelpunkt‹ oder den ›Außenrand‹ – nicht mehr so richtig scharf sieht.« (S. 13)
After World War II, many historians in the German-speaking world thought of the relationship between anthropology and history as being largely synonymous with that of ›everyday life‹ (Alltag) and ›structure‹. As Jürgen Kocka (b. 1941) wrote in a retrospective statement to the Zurich historian Rudolf Braun (1930–2012), one of the few prominent figures of ›ethnographic‹ social history especially in the 1970s and 1980s: ›For while we, a younger generation of social historians, have turned to the large structures and processes that conditioned, encompassed and shaped people’s lives, Braun has always supported us, but he insisted – in an untimely but fruitful way – on not missing the people’s »inside«: the experiences and habits, the hopes and disappointments, the everyday life and mentalities of common people in the age of industrialization.‹
Crowdfunding trat um 2010 als neue Praxis in Erscheinung. Unsere Fallstudie zum Schweizer Crowdfunding-Anbieter wemakeit verwendet die Plattform als Seismograph, um mediale, politisch-ökonomische, semantische, rechtliche, kulturelle und in einem weiteren Sinne gesellschaftliche Verschiebungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts zeithistorisch und empirisch-kulturwissenschaftlich zu diskutieren. Methodisch verbindet der Beitrag Quellenarbeit und halbnarrative Interviews unter anderem mit den Gründer:innen von wemakeit. Crowdfunding als soziokulturelle Praxis, die auf einer technischen Infrastruktur basiert, wird im Hinblick auf die mitkonstituierende Wissensproduktion kontextualisiert sowie an konkrete Akteur:innen, ihre Biographien und den lokalen Entstehungszusammenhang geknüpft. Zugleich aber sind es, so die These, gegenstandsbestimmende Grenzziehungen (semantisch, juristisch, politisch), welche die Spezifik von Crowdfunding-Plattformen prägen. Abschließend werden die Ergebnisse vor dem Hintergrund historischer Entwicklungen einer zunehmenden Vermarktlichung von Kultur eingeordnet.
Das Sammeln und Einkleben von Bildern ist bereits eine langlebige, weltweit ausgeführte Praxis. In den 1920er bis 1940er Jahren befand sich diese mit der Verbreitung von Zigarettensammelbildern auf einem Höhepunkt. Sie zeigten dabei diverse Motive, wie Kunstwerke, Naturbildnisse, Flaggen, aber auch Berühmtheiten aus Film und Sport. In Deutschland dominierte die Zigarettenfirma Reemtsma den Markt und beteiligte sich mit dem hauseigenen Cigaretten-Bilderdienst Altona-Bahrenfeld an dieser Marketingstrategie. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten kooperierte die Firma mit der NS-Regierung und veröffentlichte und vertrieb im Zeitraum 1933 bis 1936 vier Sammelalben, die in Zusammenarbeit mit dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP) gestaltet wurden und offensichtliche NS-Propaganda zum Inhalt hatten.

